In Bramsche-Hesepe, nur rund 20 Kilometer von Osnabrück entfernt, befindet sich seit vielen Jahren eine der größten Flüchtlingsunterbringungen Niedersachsens: die „Landesaufnahmebehörde Niedersachsen – Standort Bramsche“.

Auf dem Gelände, das einst ein Militärflughafen, ein Lager für Zwangsarbeiter, eine Kaserne für niederländische Soldaten und ein Grenzdurchgangslager für Spätaussiedler war, entstand 1989 eine Unterkunft für Geflüchtete. Anfangs beherbergte die Einrichtung vor allem „ausreisepflichtige“ Flüchtlinge, die aus verschiedenen Gründen seinerzeit nicht abgeschoben werden konnten.

Konzepte, die die Bewohner_innen des Lagers auf ein mögliches Leben in Deutschland vorbereiten, gab es nicht. Im Gegenteil: Die isolierte Lage sollte einen möglichen Integrationsprozess – den ein Leben in niedersächsischen Städten oder Dörfern hätte einleiten können – verhindern. Schließlich sollten die Geflüchteten zur „freiwilligen Ausreise“ bewogen oder abgeschoben werden. Die Androhung der Kürzung der ohnehin dürftigen Sozialleistungen für Asylbewerber (erst 2012 per Entscheid des Bundesverfassungsgerichts auf annähernd Hartz 4-Niveau angehoben) wurde mitunter zusätzlich als Druckmittel gegen die Flüchtlinge eingesetzt. Die Residenzpflicht – eine europaweit einmalige Restriktion – erfuhr zu Beginn der 2000er Jahre zunächst eine Verschärfung, die den Bewegungsradius der Geflüchteten zwischenzeitlich auf den Zuständigkeitsbereich der örtlichen Ausländerbehörde einschränkte. Heute besagt die Residenzpflicht, dass Asylsuchende, deren Verfahren in Niedersachsen durchgeführt wird, sich nur innerhalb des zuständigen Bundeslandes und in Bremen aufhalten dürfen. Die isolierte Lage hinter den Stacheldrahtzäunen nebst der massiv eingeschränkten Reisefreiheit und der Perspektivlosigkeit führten immer wieder zu Protesten vonseiten der Zivilgesellschaft wie von den in Hesepe untergebrachten Geflüchteten selbst. Parallel wurde das Lager immer extensiver belegt.

In Bezug auf die Einrichtung gab es unter anderem im Jahr 2013 Schlagzeilen. Der örtliche Einzelhandel behauptete substanzielle Diebstahlverluste, welche – ohne dass dafür Beweise erbracht worden wären – gerüchteweise Geflüchteten (insbesondere Roma wurden öffentlich verdächtigt) aus dem Lager angelastet wurden. Die Schließung des örtlichen Supermarktes wurde erwogen. Ein zweiter Markt beorderte Sicherheitspersonal vor seine Türen und wollte den Zutritt an die Herkunft aus einem EU-Staat koppeln. Diese kurzzeitig Durchführung von offen rassistischen Einlasskontrollen sorgte weit über den Landkreis Osnabrück hinaus für Empörung und brachte Hesepe bundesweit in die Nachrichten. Nicht zuletzt das zivilgesellschaftlichen Engagement, welches heute für einen allgemein eher positiven Umgang mit der neuen Erstaufnahmeeinrichtung am Natruper Holz in Osnabrück sorgt, hat dazu beigetragen, dass sich die Lage in Hesepe heute etwas entspannt hat. Mit dem Regierungswechsel auf Landesebene wurde aus der einst als „Abschiebelager“ kritisierten Einrichtung eine so genannte Erstaufnahmeeinrichtung. Dies bedeutet, dass die Menschen nur noch maximal drei Monate (und nicht wie zuvor zum Teil Jahre) im der Einrichtung verbringen sollen, bevor sie in eine dezentrale Unterkunft vermittelt werden.

Die Erstaufnahmeeinrichtung ist dennoch umstritten. Viele Geflüchtete und Unterstützer_innen kritisieren die Zustände: Die Überbelegung, die mit bis zu acht Personen bewohnten Mehrbettzimmer und den damit verbundenen Mangel an Privatsphäre, die isolierte Lage der Erstaufnahmeeinrichtung am Ortsrand im ohnehin ländlichen Hesepe, die fehlende Möglichkeit, selbst Mahlzeiten zuzubereiten und die daraus resultierende Abhängigkeit von der Lagerkantine. Außerdem monieren Kritiker_innen die Qualität der Räumlichkeiten und insbesondere die Praxis, Container als zusätzlichen „Wohnraum“ im Lager aufzustellen.

Die Erstaufnahmeeinrichtung ist seit mindestens 2 Jahren ständig überfüllt. Von zunächst 600 Menschen, die sich ihre Zimmer mit bis zu fünf anderen Personen teilen mussten, stieg die Anzahl der in der Unterkunft untergebrachten Menschen auf bis zu 2000. So müssen die Turnhalle, mobile Container und zuweilen Zelte als zusätzliche Schlafstätten dienen. In der Umgebung gibt es insbesondere für Kinder, Jugendliche und junge Menschen kaum Freizeitangebote.

Asylverfahren gehen je nach Herkunftsland unterschiedlich schnell voran. Asylanträge von Menschen aus dem sogenannten „Westbalkan“ werden zurzeit bevorzugt bearbeitet und in aller Regel abgelehnt. Unter diesen Umständen willigen Betroffene häufig in die so genannte „Freiwillige Ausreise“ ein und verlassen Deutschland oftmals innerhalb von 3-6 Monaten, ohne eine andere Unterkunft bewohnt zu haben. Schutzsuchende aus anderen Staaten müssen auf Grund der bevorzugten Bearbeitung dieser Fälle zum Teil deutlich länger auf eine Entscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge warten. Viele Geflüchtete – nicht nur in Bramsche-Hesepe – leben in ständiger Ungewissheit bezüglich ihrer Zukunft und auf engstem Raum.

Perspektivisch wird das Land weitere Aufnahmeeinrichtungen schaffen müssen. Die Anzahl der Asylverfahren nimmt stetig zu. Eine derartige Überforderung, die die Behörden zur Überbelegung der Einrichtungen, zur Unterbringung der Menschen in Baracken, Containern, Turnhallen und Zelten zwingt, lässt sich mittelfristig nicht rechtfertigen.

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